In Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, hat jetzt ein Koch gewisse Berühmtheit erlangt, der auf der Speisekarte seines Restaurants Steaks, Keulen und Ragouts vom Wasserschwein, dort meistens „chigüire“ genannt, anbietet. Nelson Méndez, so der Name des unverfrorenen Chefs, soll in seinem Lokal, dem „Biarritz Bistro“, neben dem seiner Ansicht nach „schönen roten Capybara-Fleisch“ auch noch karamellisierte Ameisen, Würmer und sonstiges Amazonas-Getier zubereiten, das in Tausenden von Varianten im und am Orinoko-Fluss sowie am Río Negro lebt. In Zukunft will Méndez diese und ähnliche Geschöpfe weltweit als kulinarische Spezialitäten auf den Nahrungsmittelmarkt werfen – hochtrabende Pläne, von denen sich der skrupellose Selfmademan nicht nur Renommee, sondern auch jede Menge Profit erwartet. Auf sein frevelhaftes Tun rund um die besonders bei Touristen beliebten Wasserschwein-Populationen in seinem Heimatland („Ach, wie süß!“) angesprochen, wehrte sich der eigenwillige Koch mit dem Argument, dass er schließlich auch frittierte Piranhas im Angebot habe, worüber sich nie jemand aufrege, im Gegenteil. Seine bissfreudigen, in Mehl gewendeten und knusprig gebratenen Fische würden den Gästen, trotz ihres etwas papierenen Geschmacks, im Allgemeinen hervorragend munden. Bislang habe sich noch niemand in dieser Hinsicht beschwert. Er, Nelson Méndez, Jahrgang 1963, in einem Dschungeldorf bei jesuitischen Missionaren aufgewachsen und in seiner Jugend als „Würmerfresser“ beschimpft, könne also nur schwerlich verstehen, was die ganze Aufregung um die Wasserschweine soll, zumal auch diese vorwiegend in feuchten bis nassen Gegenden der Welt leben und beinahe auch schon zur Gattung der Fische, zumindest zu der der Schuppentiere gezählt werden könnten. Ob diese Behauptungen wohl alle stimmen? Ob sich jemand für den seltsamen Koch aus Caracas die Hand abhacken lassen oder sie zumindest für ihn ins Feuer legen würde?
© Georges Hausemer
Mittwoch, 25. Januar 2012
Samstag, 31. Dezember 2011
P. O. BOX (13): WER WAR JEAN-PIERRE AREND? WER IST DANNY SATAN KAI?
Esch-au-Lac. Dieser Tage erschien plötzlich das Buch „Clarissas Krambude“. Zum Glück trägt es ebenfalls einen Untertitel. Der verrät, dass darin Autoren von ihren Pseudonymen erzählen. Dass dieses Erzählen Klarheit schafft, ist indes nicht immer gewährleistet. Zumindest nicht im Fall eines angeblich luxemburgischen Philosophen namens Jean-Pierre Arend, der angeblich Strukturalist war und angeblich in den 1960er Jahren verstarb. Zudem wird der Mann als „wirklich ein Opfer des ignoranten Literaturbetriebs“ dargestellt, dessen Werk verramscht wurde, noch bevor die erste, einzige und obendrein hymnische Rezension dazu in der FAZ erschien. Ein Klick bei amazon ergibt, dass von einem Autor namens Jean-Pierre Arend tatsächlich (oder nur fiktiv?) zwei Bücher existieren, eines sogar mit Cover, das andere mit unbekanntem Einband. Ihre ziemlich rätselhaften Titel: „Die Geschichte der Erkenntnis“ und „Die Determination der gleichzeitig gleichzahlig seienden und werdenden Sachverhalte des Alls“. Beide Werke sollen 1948 erschienen, aber derzeit leider nicht mehr lieferbar sein. Und was hat ein gewisser Manfred Esser mit dieser mysteriösen Geschichte zu tun? Manfred Esser (1938-1995) bezichtigt sich in „Clarissas Krambude“, unter dem Aliasnamen Jean-Pierre Arend veröffentlicht zu haben und gleichzeitig der erstgeborene Sohn einer Anna Arend geborene Esser zu sein. Ferner behauptet Esser/Arend, unter dem Pseudonym Mac van Geldern einen pornographischen Roman mit dem Titel „Rotschwanz“ publiziert zu haben, von dem in der einschlägigen Literatur allerdings keinerlei Spuren ausfindig zu machen sind. Und was bedeutet der Hinweis „Am 19. Juno 1996 Luxemburg, 16 rue du Laboratoire“, der im Nachwort eines der Arend-Bücher zu finden sein soll und zu dem Manfred Esser – oder Arend selbst, vielleicht sogar van Geldern? – überdies anmerkt: „Die Jahreszahl ist natürlich ein Anagramm auf 69. Über die Bedeutung der 69 in der Sexualfantasie der Surrealisten (und deren Umkehrung in der 96) will ich nicht spekulieren“? Hat hier mal wieder Tania Naskandy ihre schmutzigen Finger im Spiel? Deren Doppelgängerin Danny Satan Kai? Oder Luc Sophie Spada? Unsere Literaturministerin höchstpersönlich, eine(r) ihrer Mitarbeiter(innen)?
CNL, bitte übernehmen Sie!
© Georges Hausemer
Montag, 5. Dezember 2011
P. O. BOX (12): DON CAO AUF CON DACA
Esch-au-Lac. Wir Wasserschweine ziehen der stundenlangen Grübelei bekanntlich eher das ausgiebige Faulenzen bei ausgeschalteter Hirntätigkeit vor. Doch heute wollen wir uns für einmal aufraffen, um einem Kollegen den Rücken zu stärken, der sich als regelmäßiger Kolumnist der „Capybara Gazette“ seine, nein, eben nicht seine Brötchen verdient, sondern sich seit Wochen, nein, was sagen wir, seit Monaten, wenn nicht seit Jahren unentgeltlich und unbezahlt die Fingerkuppen blutig tippt, ohne zu wissen, wozu das alles eigentlich gut sein soll. Da dieser Glossist gelegentlich auch Texte verfasst, die nicht auf ein Butterbrotpapier passen, ist unlängst ein Büchlein von ihm erschienen mit dem etwas seltsamen, aber nach Wasserschweinmeinung durchaus hübschen Titel „Con Dao“.
Hätte er das lieber mal gelassen! Also das mit dem exotischen, für weltmännische Wasserschweine, wie wir gern welche wären, gar nicht so haarsträubenden Titel, der in letzter Zeit Anlass zu manch heikler Verwirrung gegeben hat.
Da war zunächst einmal das im Süden des Ländchens erscheinende Konkurrenzblatt der CG – nennen wir es der Einfachheit halber einfach mal T. –, das besagte Sammlung mehr oder weniger fiktiver Geschichten mir nichts dir nichts in eine Hommage an einen hierzulande nicht ganz unbekannten Dirigenten, Musiker und Musikpädagogen verwandelte und diesen nicht mit uns persönlich bekannten Herrn obendrein mit einem spanischen Respektstitel ehrte. Nein, liebe Mitschweine, CON DAO heißt nicht DON CAO und hat mit dem wahren Träger dieses Nachnamens auch nicht die Bohne am Rüssel.
Zu dieser peinlichen Verwechslung gesellte sich kürzlich eine weitere heitere Variante besagten Buchtitels. Obwohl ..., allein von der Akustik der Wortneu- und -umbildung her kann von Heiterkeit eigentlich gar keine Rede sein. Diesmal ist es eine Zeitschrift aus ebenfalls dem Süden des Ländchens – nennen wir sie der Einfachheit halber einfach mal G. –, die CON DAO kurzerhand in CON DACA umgetauft hat. Hören Sie die klangliche Verwandtschaft? Wenn nicht, ist’s auch egal. Dann ziehen wir Wasserschweine uns eben wieder in unseren Suhlpfuhl zurück, strecken die Nase in den Wind und lauern darauf, dass endlich wieder ein Sonnenstrahl unseren Alltag erhellt. Zumindest kann jetzt niemand mehr behaupten, wir hätten nicht wenigstens versucht, unserem verehrten Kollegen in einer schwierigen Phase seines Schreiberlingdaseins zu Hilfe zu eilen. Auch wenn’s am Ende nix geholfen hat, gar nix, nada de nada, niente di niente. Krawutschu? (Letzteres, bitte merken Sie sich das, ist ein Wort aus der nach wie vor viel zu wenig bekannten Sprache der Wasserschweine, die gleichzeitig so wenig verbreitet ist, dass sie nicht einmal einen richtigen Namen hat. Vorschläge werden jederzeit angenommen, am liebsten in Begleitung von Delikatessen aus dem Fischrayon ...)© Georges Hausemer
Samstag, 26. November 2011
P. O. BOX (11): PEINLICH!
Esch-au-Lac. Heute im TAGEBLATT: die Ankündigung der „Soirée Edmond Dune“ am kommenden Montag im Espace H2O in Oberkorn. Bei dieser Gelegenheit werden, laut viertelseitiger Anzeige, u. a. Nathalie Ronvaux und ein gewisser „Norbert Schlechter“ Auszüge aus dem Werk Dunes vortragen. Norbert Schlechter?
Oh wie peinlich! Zumal besagte, na ja, Verwechslung, nicht auf die Kappe eines der nach eigenen Aussagen stets überforderten Kulturredakteure besagter Zeitung geht, sondern von den Veranstaltern selbst zu verantworten ist. Also von der Stadt Differdingen und dem daselbst angesiedelten Verlag, in dem zahlreiche Werke sowohl von Edmond Dune als auch von LAMBERT Schlechter erschienen sind. Schade bloß, dass man bei den Editions Phi seine Autoren nicht einmal beim Namen zu kennen scheint. Und sich auch sonst nicht eben durch Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit im Umgang mit diesen Autoren, deren Manuskripten und Büchern hervortut. Erst gestern hat die Kritikerin des LËTZEBUERGER LAND eine Besprechung des neuen Gedichtbandes von Léon Rinaldetti veröffentlicht und dem inzwischen im Editpress-Schiff mitsegelnden Verlag in geharnischten Worten „Oberflächlichkeit und Lieblosigkeit“, dreiste Lügen, schlechte Scherze und „pure Ignoranz“ vorgeworfen.
Auch dem zweiten Veranstalter des Dune-Abends ist solche Geringschätzung der Luxemburger Literatur keineswegs fremd. Unlängst fand im Espace H2O nämlich eine Lesung statt, zu deren Beginn eine Vertreterin der örtlichen Kulturkommission trotz intensiven Nachdenkens partout nicht auf den Namen des einheimischen Schriftstellers kommen wollte, der persönlich genau vor ihr saß und als lesender Gast eingeladen war. Eigentlich hätte sich der „namenlose“ Autor in diesem Moment erheben und den Veranstaltungsort auf der Stelle verlassen müssen.
Aber diesen skandalösen Umgang mit ihrer Arbeit und ihrer Person sind die luxemburgischen Kulturschaffenden ja längst gewohnt. Man erinnere sich an den beschämenden Zwist zwischen der Escher Gemeinde und Serge Tonnar und seiner Band Legotrip anlässlich des diesjährigen Terres Rouges-Festivals. Man denke einmal kurz über den Edward-Steichen-Förderpreis nach, den diese Woche Claudia Passeri erhielt und über den, unter dem verräterischen Titel „Les petits Luxos“, gestern im LAND ebenfalls eine hochinteressante Notiz zu lesen war.
Aber ganz gleich, wer sich wo und wie oft darüber ärgert – der unter unseren Kulturfunktionären und sonstigen selbsternannten Kulturverwaltern grassierenden Inkompetenz ist offenbar durch nichts und niemanden Einhalt zu gebieten.
© Georges Hausemer
Freitag, 25. November 2011
PULP PICTURE (1): „TONIGHT, YOU WILL DANCE!“
Leuk, Wallis, Schweiz am 28. Oktober 2011
© Georges Hausemer
Dienstag, 22. November 2011
Hirtenbrief an die Hinterwäldler / Von Jérôme Netgen
Hat Professeur Frank Wilhelm, der große Frankophile unter den Frankophonen, der große Frankophone unter den Frankophilen, der emsige Fußnotenforscher im Weinberg der Grande Nation, etwa nicht mehr alle gestreiften Murmeln im Sack?
Oder wie sonst muss man folgende Aussage verstehen, die auf dem Blog des Schriftstellers Georges Hausemer (da sollte man ab und zu mal reinschauen, auch wenn der gute Georges es in letzter Zeit – ich vermute, seit er der italienischen Küche recherchehalber frönen musste – etwas ruhiger angehen lässt; mehr unter www.georgeshausemer.com) aufgegriffen wurde? Entnommen ist sie der französischsprachigen Wochenzeitung Le Jeudi, Ausgabe vom 10. November, Seite 7. Dort steht das Zitat, das alle Hinterwäldler hierzulande in ihre Schranken verweisen dürfte: „Quand le petit Luxembourgeois s’exprime en allemand, il entre dans une maison de plain-pied, située dans sa rue. Quand il parle français, il s’ouvre au monde.“
Für die Ungebildeten lautet meine Übersetzung wie folgt: Daheim Sägemehl fressen und draußen Bretter scheißen, das geht nicht! Roll over, Batty Weber!! … ENTWEDER bräsiges Rumhocken unterm Hirschgeweih ODER „Die Welt“!! … ENTWEDER Klein-Klein in der Mundart-Hölle ODER die sturmgepeitschten Höhen des „Citoyen du Monde“!! … Entweder ihr hobelt weiterhin auf Deutsch, meine lieben Luxis – schlimmer noch: in eurem ermüdenden Patois, das keine Sau versteht, geschweige denn liest –, oder ihr macht endlich den längst fälligen Antrag auf Vollmitgliedschaft in der Zivilisation. … C’est comme ça!
Denn dies ist nicht irgendein Hallodri aus Dünnpfiff-les-Bains, wie ein (leider deutscher) Satiriker Luxemburg-Stadt und ähnliche Parvenü-Metropolen gerne zu nennen pflegt, neiiin, es handelt sich hier um le Professeur Wilhelm, weltumspannende Autorität zum Thema Victor Hugo und die Geburt des Viandener Nussmarktes aus dem Geiste der Revolution (ich zitiere frei aus dem Gedächtnis und dummerweise erneut auf Deutsch, weil die Geisteshöhen, zu denen Professeur Wilhelm sich gemeinhin aufschwingt, eine Sprachkenntnis voraussetzen, die ich als bastardisierter Frankophoner natürlich nicht besitzen kann. Gerne gebe ich auch zu, dass ich das Buch nicht zu Ende gelesen habe!).
So wie die Iren, wenn sie in der Diaspora leben, immer irischer sein wollen als die Daheimgebliebenen auf der Insel, so sind die französelnden Frankophilen, wenn sie petits Luxemburger sind, immer französischer als die Franzosen in ihren französischsten, will sagen: authentischsten Momenten des gepflegten, ungehemmten Franzosentums. Vous me suivez ?
Ich für meinen Teil möchte sie nicht vermissen, die Culture aus Fronkraich, auch ¬¬ wenn ich mir am Thüringer-, pardon, ‘Lëtzebuerger-Grillwurscht’-Stand mitunter die Frage stellen muss, wie ich diesen Anblick mit meinen hohen Selbstansprüchen und Umgangsformen à la française in Deckung bringen kann. Aber diese Luxemburger Schizophrenie ist natürlich das Problem Luxemburger Schizophrener, also ein Minderheitenproblem durch und durch, und das tut man im Weinberg der Grande Nation gemeinhin mit Achselzucken quittieren.
Immerhin: die Schweiz-geborene Madame de Staël war, zweihundert Jahre vor Professeur Wilhelm, schon etwas weiter in ihrer freimütigen Akzeptanz der eigenen Schizophrenie und hat sich, soviel weiß ich, von Geheimrat Goethe auf dem west-östlichen Diwan kräftig becircen lassen. Na gut, Goethe war ein viriler Weltbürger mit Charme, gewissermaßen ein Dominique Strauss-Kahn mit Wadenstrümpfen, und nicht irgendein sale boche, wie man ihn aus „La Grande Vadrouille“, dem Lieblings-Nouvelle-Vague-Film aller frankophilen Intellektuellen und bestimmt auch von Frank Wilhelm, kennt. Und außerdem hatte er Diderot und Corneille übersetzt, war also mit Kultur bereits in Berührung gekommen.
Mich jedenfalls beschleicht das ungute Gefühl, dass einige von unseren möchtegernigen Franzosen auch nichts weiter als „les banlieusards de la littérature française“ sind, wie Léon Bloy über die Belgier richtete, und dass sie es insgeheim sogar ahnen (das ist ihre eigene kleine mickrige Schizophrenie unterm Hirschgeweih, und sie tun mir echt leid dafür!).
© Georges Hausemer
Oder wie sonst muss man folgende Aussage verstehen, die auf dem Blog des Schriftstellers Georges Hausemer (da sollte man ab und zu mal reinschauen, auch wenn der gute Georges es in letzter Zeit – ich vermute, seit er der italienischen Küche recherchehalber frönen musste – etwas ruhiger angehen lässt; mehr unter www.georgeshausemer.com) aufgegriffen wurde? Entnommen ist sie der französischsprachigen Wochenzeitung Le Jeudi, Ausgabe vom 10. November, Seite 7. Dort steht das Zitat, das alle Hinterwäldler hierzulande in ihre Schranken verweisen dürfte: „Quand le petit Luxembourgeois s’exprime en allemand, il entre dans une maison de plain-pied, située dans sa rue. Quand il parle français, il s’ouvre au monde.“
Für die Ungebildeten lautet meine Übersetzung wie folgt: Daheim Sägemehl fressen und draußen Bretter scheißen, das geht nicht! Roll over, Batty Weber!! … ENTWEDER bräsiges Rumhocken unterm Hirschgeweih ODER „Die Welt“!! … ENTWEDER Klein-Klein in der Mundart-Hölle ODER die sturmgepeitschten Höhen des „Citoyen du Monde“!! … Entweder ihr hobelt weiterhin auf Deutsch, meine lieben Luxis – schlimmer noch: in eurem ermüdenden Patois, das keine Sau versteht, geschweige denn liest –, oder ihr macht endlich den längst fälligen Antrag auf Vollmitgliedschaft in der Zivilisation. … C’est comme ça!
Denn dies ist nicht irgendein Hallodri aus Dünnpfiff-les-Bains, wie ein (leider deutscher) Satiriker Luxemburg-Stadt und ähnliche Parvenü-Metropolen gerne zu nennen pflegt, neiiin, es handelt sich hier um le Professeur Wilhelm, weltumspannende Autorität zum Thema Victor Hugo und die Geburt des Viandener Nussmarktes aus dem Geiste der Revolution (ich zitiere frei aus dem Gedächtnis und dummerweise erneut auf Deutsch, weil die Geisteshöhen, zu denen Professeur Wilhelm sich gemeinhin aufschwingt, eine Sprachkenntnis voraussetzen, die ich als bastardisierter Frankophoner natürlich nicht besitzen kann. Gerne gebe ich auch zu, dass ich das Buch nicht zu Ende gelesen habe!).
So wie die Iren, wenn sie in der Diaspora leben, immer irischer sein wollen als die Daheimgebliebenen auf der Insel, so sind die französelnden Frankophilen, wenn sie petits Luxemburger sind, immer französischer als die Franzosen in ihren französischsten, will sagen: authentischsten Momenten des gepflegten, ungehemmten Franzosentums. Vous me suivez ?
Ich für meinen Teil möchte sie nicht vermissen, die Culture aus Fronkraich, auch ¬¬ wenn ich mir am Thüringer-, pardon, ‘Lëtzebuerger-Grillwurscht’-Stand mitunter die Frage stellen muss, wie ich diesen Anblick mit meinen hohen Selbstansprüchen und Umgangsformen à la française in Deckung bringen kann. Aber diese Luxemburger Schizophrenie ist natürlich das Problem Luxemburger Schizophrener, also ein Minderheitenproblem durch und durch, und das tut man im Weinberg der Grande Nation gemeinhin mit Achselzucken quittieren.
Immerhin: die Schweiz-geborene Madame de Staël war, zweihundert Jahre vor Professeur Wilhelm, schon etwas weiter in ihrer freimütigen Akzeptanz der eigenen Schizophrenie und hat sich, soviel weiß ich, von Geheimrat Goethe auf dem west-östlichen Diwan kräftig becircen lassen. Na gut, Goethe war ein viriler Weltbürger mit Charme, gewissermaßen ein Dominique Strauss-Kahn mit Wadenstrümpfen, und nicht irgendein sale boche, wie man ihn aus „La Grande Vadrouille“, dem Lieblings-Nouvelle-Vague-Film aller frankophilen Intellektuellen und bestimmt auch von Frank Wilhelm, kennt. Und außerdem hatte er Diderot und Corneille übersetzt, war also mit Kultur bereits in Berührung gekommen.
Mich jedenfalls beschleicht das ungute Gefühl, dass einige von unseren möchtegernigen Franzosen auch nichts weiter als „les banlieusards de la littérature française“ sind, wie Léon Bloy über die Belgier richtete, und dass sie es insgeheim sogar ahnen (das ist ihre eigene kleine mickrige Schizophrenie unterm Hirschgeweih, und sie tun mir echt leid dafür!).
© Georges Hausemer
P. O. BOX (10): FUNKTIONIERENDE FUNKTIONÄRE
Esch-au-Lac. Also geht doch! So stellt man sich das Werken und Wirken unserer Volksdiener in den Ministerien im Idealfall doch vor, nicht wahr? Kaum hat sich ein Bürger – in diesem Fall ein Kolumnist aus der höchst unregelmäßig, aber dafür nicht mit weniger Leidenschaft erscheinenden „Capybara Gazette“ – mit einem Wunsch oder sonst einem Anliegen zu Wort gemeldet, schon sputen sich die Herrschaften, was das Zeug hält.
So geschehen in der vergangenen Woche. Da hatte besagter Kolumnist es gewagt, sich in einer kurzen, beiläufigen und daher als Postskriptum getarnten Anfrage an das hiesige Kulturministerium zu wenden und unterwürfigst sein Begehren zu formulieren, und wenige Tage später wurden die stets mit Spannung erwarteten Resultate des nationalen Literaturwettbewerbs auch schon publik gemacht (siehe hierzu auch die Notiz „Poésiemanie“ im Lëtzebuerger Land Nr. 46 vom 18.1.2011). Gratulation, die Herrschaften!
Zwar bleiben, wie könnte es anders sein, weiterhin viele andere Fragen, die ein bescheidener Kolumnist sich den lieben langen Tag und auch manche Nacht lang stellt, weiterhin offen. Doch für einmal wollen wir nicht so sein! Stattdessen soll an dieser Stelle, im Namen des besagten Kolumnisten, der schieren Begeisterung darüber Ausdruck verliehen werden, dass die zuständigen Beamten endlich und für einmal das geleistet haben, wofür sie, verdammt nochmal, fürstlich, pardon, großherzoglich, entlohnt werden. Und das jeden Monat, nicht nur zur Weihnachtszeit.
Weiter so! Noch schweigen die Fische im dreckigen Teich ...
© Georges Hausemer
So geschehen in der vergangenen Woche. Da hatte besagter Kolumnist es gewagt, sich in einer kurzen, beiläufigen und daher als Postskriptum getarnten Anfrage an das hiesige Kulturministerium zu wenden und unterwürfigst sein Begehren zu formulieren, und wenige Tage später wurden die stets mit Spannung erwarteten Resultate des nationalen Literaturwettbewerbs auch schon publik gemacht (siehe hierzu auch die Notiz „Poésiemanie“ im Lëtzebuerger Land Nr. 46 vom 18.1.2011). Gratulation, die Herrschaften!
Zwar bleiben, wie könnte es anders sein, weiterhin viele andere Fragen, die ein bescheidener Kolumnist sich den lieben langen Tag und auch manche Nacht lang stellt, weiterhin offen. Doch für einmal wollen wir nicht so sein! Stattdessen soll an dieser Stelle, im Namen des besagten Kolumnisten, der schieren Begeisterung darüber Ausdruck verliehen werden, dass die zuständigen Beamten endlich und für einmal das geleistet haben, wofür sie, verdammt nochmal, fürstlich, pardon, großherzoglich, entlohnt werden. Und das jeden Monat, nicht nur zur Weihnachtszeit.
Weiter so! Noch schweigen die Fische im dreckigen Teich ...
© Georges Hausemer
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