5. Dezember 2011

P. O. BOX (12): DON CAO AUF CON DACA

Esch-au-Lac. Wir Wasserschweine ziehen der stundenlangen Grübelei bekanntlich eher das ausgiebige Faulenzen bei ausgeschalteter Hirntätigkeit vor. Doch heute wollen wir uns für einmal aufraffen, um einem Kollegen den Rücken zu stärken, der sich als regelmäßiger Kolumnist der „Capybara Gazette“ seine, nein, eben nicht seine Brötchen verdient, sondern sich seit Wochen, nein, was sagen wir, seit Monaten, wenn nicht seit Jahren unentgeltlich und unbezahlt die Fingerkuppen blutig tippt, ohne zu wissen, wozu das alles eigentlich gut sein soll. Da dieser Glossist gelegentlich auch Texte verfasst, die nicht auf ein Butterbrotpapier passen, ist unlängst ein Büchlein von ihm erschienen mit dem etwas seltsamen, aber nach Wasserschweinmeinung durchaus hübschen Titel „Con Dao“.
Hätte er das lieber mal gelassen! Also das mit dem exotischen, für weltmännische Wasserschweine, wie wir gern welche wären, gar nicht so haarsträubenden Titel, der in letzter Zeit Anlass zu manch heikler Verwirrung gegeben hat.
Da war zunächst einmal das im Süden des Ländchens erscheinende Konkurrenzblatt der CG – nennen wir es der Einfachheit halber einfach mal T. –, das besagte Sammlung mehr oder weniger fiktiver Geschichten mir nichts dir nichts in eine Hommage an einen hierzulande nicht ganz unbekannten Dirigenten, Musiker und Musikpädagogen verwandelte und diesen nicht mit uns persönlich bekannten Herrn obendrein mit einem spanischen Respektstitel ehrte. Nein, liebe Mitschweine, CON DAO heißt nicht DON CAO und hat mit dem wahren Träger dieses Nachnamens auch nicht die Bohne am Rüssel.
Zu dieser peinlichen Verwechslung gesellte sich kürzlich eine weitere heitere Variante besagten Buchtitels. Obwohl ..., allein von der Akustik der Wortneu- und -umbildung her kann von Heiterkeit eigentlich gar keine Rede sein. Diesmal ist es eine Zeitschrift aus ebenfalls dem Süden des Ländchens – nennen wir sie der Einfachheit halber einfach mal G. –, die CON DAO kurzerhand in CON DACA umgetauft hat. Hören Sie die klangliche Verwandtschaft? Wenn nicht, ist’s auch egal. Dann ziehen wir Wasserschweine uns eben wieder in unseren Suhlpfuhl zurück, strecken die Nase in den Wind und lauern darauf, dass endlich wieder ein Sonnenstrahl unseren Alltag erhellt. Zumindest kann jetzt niemand mehr behaupten, wir hätten nicht wenigstens versucht, unserem verehrten Kollegen in einer schwierigen Phase seines Schreiberlingdaseins zu Hilfe zu eilen. Auch wenn’s am Ende nix geholfen hat, gar nix, nada de nada, niente di niente. Krawutschu? (Letzteres, bitte merken Sie sich das, ist ein Wort aus der nach wie vor viel zu wenig bekannten Sprache der Wasserschweine, die gleichzeitig so wenig verbreitet ist, dass sie nicht einmal einen richtigen Namen hat. Vorschläge werden jederzeit angenommen, am liebsten in Begleitung von Delikatessen aus dem Fischrayon ...)
 © Georges Hausemer

26. November 2011

P. O. BOX (11): PEINLICH!

Esch-au-Lac. Heute im TAGEBLATT: die Ankündigung der „Soirée Edmond Dune“ am kommenden Montag im Espace H2O in Oberkorn. Bei dieser Gelegenheit werden, laut viertelseitiger Anzeige, u. a. Nathalie Ronvaux und ein gewisser „Norbert Schlechter“ Auszüge aus dem Werk Dunes vortragen. Norbert Schlechter?
Oh wie peinlich! Zumal besagte, na ja, Verwechslung, nicht auf die Kappe eines der nach eigenen Aussagen stets überforderten Kulturredakteure besagter Zeitung geht, sondern von den Veranstaltern selbst zu verantworten ist. Also von der Stadt Differdingen und dem daselbst angesiedelten Verlag, in dem zahlreiche Werke sowohl von Edmond Dune als auch von LAMBERT Schlechter erschienen sind. Schade bloß, dass man bei den Editions Phi seine Autoren nicht einmal beim Namen zu kennen scheint. Und sich auch sonst nicht eben durch Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit im Umgang mit diesen Autoren, deren Manuskripten und Büchern hervortut. Erst gestern hat die Kritikerin des LËTZEBUERGER LAND eine Besprechung des neuen Gedichtbandes von Léon Rinaldetti veröffentlicht und dem inzwischen im Editpress-Schiff mitsegelnden Verlag in geharnischten Worten „Oberflächlichkeit und Lieblosigkeit“, dreiste Lügen, schlechte Scherze und „pure Ignoranz“ vorgeworfen.
Auch dem zweiten Veranstalter des Dune-Abends ist solche Geringschätzung der Luxemburger Literatur keineswegs fremd. Unlängst fand im Espace H2O nämlich eine Lesung statt, zu deren Beginn eine Vertreterin der örtlichen Kulturkommission trotz intensiven Nachdenkens partout nicht auf den Namen des einheimischen Schriftstellers kommen wollte, der persönlich genau vor ihr saß und als lesender Gast eingeladen war. Eigentlich hätte sich der „namenlose“ Autor in diesem Moment erheben und den Veranstaltungsort auf der Stelle verlassen müssen.
Aber diesen skandalösen Umgang mit ihrer Arbeit und ihrer Person sind die luxemburgischen Kulturschaffenden ja längst gewohnt. Man erinnere sich an den beschämenden Zwist zwischen der Escher Gemeinde und Serge Tonnar und seiner Band Legotrip anlässlich des diesjährigen Terres Rouges-Festivals. Man denke einmal kurz über den Edward-Steichen-Förderpreis nach, den diese Woche Claudia Passeri erhielt und über den, unter dem verräterischen Titel „Les petits Luxos“, gestern im LAND ebenfalls eine hochinteressante Notiz zu lesen war.
Aber ganz gleich, wer sich wo und wie oft darüber ärgert – der unter unseren Kulturfunktionären und sonstigen selbsternannten Kulturverwaltern grassierenden Inkompetenz ist offenbar durch nichts und niemanden Einhalt zu gebieten.
 © Georges Hausemer

25. November 2011

PULP PICTURE (1): „TONIGHT, YOU WILL DANCE!“

 
Leuk, Wallis, Schweiz am 28. Oktober 2011
© Georges Hausemer

22. November 2011

Hirtenbrief an die Hinterwäldler / Von Jérôme Netgen

Hat Professeur Frank Wilhelm, der große Frankophile unter den Frankophonen, der große Frankophone unter den Frankophilen, der emsige Fußnotenforscher im Weinberg der Grande Nation, etwa nicht mehr alle gestreiften Murmeln im Sack?

Oder wie sonst muss man folgende Aussage verstehen, die auf dem Blog des Schriftstellers Georges Hausemer (da sollte man ab und zu mal reinschauen, auch wenn der gute Georges es in letzter Zeit – ich vermute, seit er der italienischen Küche recherchehalber frönen musste – etwas ruhiger angehen lässt; mehr unter www.georgeshausemer.com) aufgegriffen wurde? Entnommen ist sie der französischsprachigen Wochenzeitung Le Jeudi, Ausgabe vom 10. November, Seite 7. Dort steht das Zitat, das alle Hinterwäldler hierzulande in ihre Schranken verweisen dürfte: „Quand le petit Luxembourgeois s’exprime en allemand, il entre dans une maison de plain-pied, située dans sa rue. Quand il parle français, il s’ouvre au monde.“

Für die Ungebildeten lautet meine Übersetzung wie folgt: Daheim Sägemehl fressen und draußen Bretter scheißen, das geht nicht! Roll over, Batty Weber!! … ENTWEDER bräsiges Rumhocken unterm Hirschgeweih ODER „Die Welt“!! … ENTWEDER Klein-Klein in der Mundart-Hölle ODER die sturmgepeitschten Höhen des „Citoyen du Monde“!! … Entweder ihr hobelt weiterhin auf Deutsch, meine lieben Luxis – schlimmer noch: in eurem ermüdenden Patois, das keine Sau versteht, geschweige denn liest –, oder ihr macht endlich den längst fälligen Antrag auf Vollmitgliedschaft in der Zivilisation. … C’est comme ça!

Denn dies ist nicht irgendein Hallodri aus Dünnpfiff-les-Bains, wie ein (leider deutscher) Satiriker Luxemburg-Stadt und ähnliche Parvenü-Metropolen gerne zu nennen pflegt, neiiin, es handelt sich hier um le Professeur Wilhelm, weltumspannende Autorität zum Thema Victor Hugo und die Geburt des Viandener Nussmarktes aus dem Geiste der Revolution (ich zitiere frei aus dem Gedächtnis und dummerweise erneut auf Deutsch, weil die Geisteshöhen, zu denen Professeur Wilhelm sich gemeinhin aufschwingt, eine Sprachkenntnis voraussetzen, die ich als bastardisierter Frankophoner natürlich nicht besitzen kann. Gerne gebe ich auch zu, dass ich das Buch nicht zu Ende gelesen habe!).
So wie die Iren, wenn sie in der Diaspora leben, immer irischer sein wollen als die Daheimgebliebenen auf der Insel, so sind die französelnden Frankophilen, wenn sie petits Luxemburger sind, immer französischer als die Franzosen in ihren französischsten, will sagen: authentischsten Momenten des gepflegten, ungehemmten Franzosentums. Vous me suivez ?

Ich für meinen Teil möchte sie nicht vermissen, die Culture aus Fronkraich, auch ¬¬ wenn ich mir am Thüringer-, pardon, ‘Lëtzebuerger-Grillwurscht’-Stand mitunter die Frage stellen muss, wie ich diesen Anblick mit meinen hohen Selbstansprüchen und Umgangsformen à la française in Deckung bringen kann. Aber diese Luxemburger Schizophrenie ist natürlich das Problem Luxemburger Schizophrener, also ein Minderheitenproblem durch und durch, und das tut man im Weinberg der Grande Nation gemeinhin mit Achselzucken quittieren.

Immerhin: die Schweiz-geborene Madame de Staël war, zweihundert Jahre vor Professeur Wilhelm, schon etwas weiter in ihrer freimütigen Akzeptanz der eigenen Schizophrenie und hat sich, soviel weiß ich, von Geheimrat Goethe auf dem west-östlichen Diwan kräftig becircen lassen. Na gut, Goethe war ein viriler Weltbürger mit Charme, gewissermaßen ein Dominique Strauss-Kahn mit Wadenstrümpfen, und nicht irgendein sale boche, wie man ihn aus „La Grande Vadrouille“, dem Lieblings-Nouvelle-Vague-Film aller frankophilen Intellektuellen und bestimmt auch von Frank Wilhelm, kennt. Und außerdem hatte er Diderot und Corneille übersetzt, war also mit Kultur bereits in Berührung gekommen.

Mich jedenfalls beschleicht das ungute Gefühl, dass einige von unseren möchtegernigen Franzosen auch nichts weiter als „les banlieusards de la littérature française“ sind, wie Léon Bloy über die Belgier richtete, und dass sie es insgeheim sogar ahnen (das ist ihre eigene kleine mickrige Schizophrenie unterm Hirschgeweih, und sie tun mir echt leid dafür!).

© Georges Hausemer

P. O. BOX (10): FUNKTIONIERENDE FUNKTIONÄRE

Esch-au-Lac. Also geht doch! So stellt man sich das Werken und Wirken unserer Volksdiener in den Ministerien im Idealfall doch vor, nicht wahr? Kaum hat sich ein Bürger – in diesem Fall ein Kolumnist aus der höchst unregelmäßig, aber dafür nicht mit weniger Leidenschaft erscheinenden „Capybara Gazette“ – mit einem Wunsch oder sonst einem Anliegen zu Wort gemeldet, schon sputen sich die Herrschaften, was das Zeug hält.
So geschehen in der vergangenen Woche. Da hatte besagter Kolumnist es gewagt, sich in einer kurzen, beiläufigen und daher als Postskriptum getarnten Anfrage an das hiesige Kulturministerium zu wenden und unterwürfigst sein Begehren zu formulieren, und wenige Tage später wurden die stets mit Spannung erwarteten Resultate des nationalen Literaturwettbewerbs auch schon publik gemacht (siehe hierzu auch die Notiz „Poésiemanie“ im Lëtzebuerger Land Nr. 46 vom 18.1.2011). Gratulation, die Herrschaften!
Zwar bleiben, wie könnte es anders sein, weiterhin viele andere Fragen, die ein bescheidener Kolumnist sich den lieben langen Tag und auch manche Nacht lang stellt, weiterhin offen. Doch für einmal wollen wir nicht so sein! Stattdessen soll an dieser Stelle, im Namen des besagten Kolumnisten, der schieren Begeisterung darüber Ausdruck verliehen werden, dass die zuständigen Beamten endlich und für einmal das geleistet haben, wofür sie, verdammt nochmal, fürstlich, pardon, großherzoglich, entlohnt werden. Und das jeden Monat, nicht nur zur Weihnachtszeit.
Weiter so! Noch schweigen die Fische im dreckigen Teich ...

© Georges Hausemer

13. November 2011

P. O. BOX (9): KLEINE, DUMME LUXEMBURGER

Esch-au-Lac. Dieser Tage erschien in der Wochenzeitung „Le Jeudi“ (vom 10. November 2011) ein Dossier über die Rolle und Bedeutung der französischsprachigen Zeitungen in der luxemburgischen Presselandschaft der letzten hundert Jahre. Darin war ein Satz zu lesen, der merkwürdigerweise bislang noch nirgendwo kommentiert oder auch nur erwähnt wurde. Der Satz, ein nicht näher erläutertes und auch nicht mit Quellenangaben versehenes Zitat, lautet: „Quand un petit Luxembourgeois s’exprime en allemand, il entre dans une maison de plain-pied, située dans sa rue. Quand il parle français, il s’ouvre au monde.“
Ein äußerst bedenklicher, problematischer, eigentlich unerhörter Satz. Unterstellt er doch, kurz gesagt, all jenen einheimischen Autoren, die nicht Französisch, sondern „nur“ Deutsch (und eventuell Luxemburgisch) schreiben, bis heute im Provinziellen stecken geblieben zu sein. Während nur jene Landsleute, die sich wie Molière, Sartre und Houellebecq auszudrücken pflegen, imstande seien, ihre kleine, enge und, so das „sous-entendu“, intellektuell beschränkte Heimat zu verlassen, sich der Fremde zu öffnen, kosmopolitische Gesinnung zu zeigen.
Gelinde gesagt: eine Frechheit! Zumal sie aus der Feder von jemandem stammt, der eigentlich wissen müsste, dass die Maxime, die besagt, der Deutsch und/oder Luxemburgisch Schreibende bliebe gezwungenermaßen im Mief seiner bäuerlich-kleinbürgerlichen, geistfernen Herkunft gefangen und nur der Frankophile und Frankophone sei imstande, sich der großen weiten Welt zu stellen, dass diese Maxime spätestens seit den frühen 1980er Jahren völlig abgelutscht ist und sich mit dem Erscheinen der ersten Romane von Guy Rewenig und Roger Manderscheid auf „Lëtzebuergesch“ erledigt hat.
Ein guter alter Freund, den ich mit besagtem Statement konfrontierte, meinte, es könne eigentlich nur von einem „grand con français“ getätigt worden sein, denn wer sonst würde sich wohl erlauben, von einem „petit Luxembourgeois“ zu sprechen? Nun, leider hat mein Freund Unrecht. Die realitätsfremde und wirklichkeitsverfälschende Aussage stammt von einem Luxemburger und ist obendrein ein Beleg dafür, dass die oft auch für Ausländer nur schwer erträgliche Arroganz „à la française“ nicht nur in Pariser Politiker- und Intellektuellenkreisen grassiert. Der Name des Urhebers: Frank Wilhelm, seines Zeichens Französisch-Professor an der Fakultät für Sprachwissenschaften und Literatur, Geisteswissenschaften, Kunst und Erziehungswissenschaften der Universität Luxemburg. Zudem firmiert Frank Wilhelm – und das macht seine Ansichten noch dubioser – als der für Luxemburg-spezifische Aspekte zuständige Direktor des Studiengangs „Master en études franco-allemandes: communication et coopération transfrontalières“ – eines Studiengangs übrigens, dessen Namen und detaillierter Beschreibung auch auf der deutschsprachigen Internetseite der Uni Luxemburg keine Übersetzung aus dem Französischen zuteil wird. Was muss man aus all dem schließen? Und was hindert uns daran, die Meinung, die Professor Wilhelm schon vor zehn Jahren erstmals zum Besten gab, einmal ausführlich zu diskutieren?

P. S.: Wann geben die Veranstalter eigentlich die Resultate des diesjährigen Nationalen Literaturwettbewerbs bekannt? Gesucht wurden/werden die besten Gedichtsammlungen, für die das nicht nur in Sachen Literatur lächerlich inkompetente Kulturministerium einen ersten Preis von lächerlichen 1.500 € und mehrere noch lächerlich geringer dotierte Neben- und Spezialpreise ausgelobt hat. Hat sich überhaupt jemand an dem Wettbewerb beteiligt? Wenn meine Erinnerungen mich nicht trügen, war von verschiedenen Seiten empfohlen worden, den einst angesehenen, inzwischen leider zu einer Farce degradierten Wettbewerb schlichtweg zu boykottieren, aus Protest gegen das unerträgliche, autoren-, buch- und literaturfeindliche Gehabe einzelner Entscheidungsträger in besagtem Ministerium.
© Georges Hausemer

5. September 2011

WIE SCHREIBE ICH? (1): MAL WIE HANDKE, MAL WIE ILDIKÓ VON KÜRTHY

Neugier ist ein elementarer Wesenszug des Menschen. Eitelkeit ebenso, zumal, wenn einer sich künstlerisch betätigt, etwa mit selbstverfassten Texten an die Öffentlichkeit geht. Von den Lesern erwartet er sich eine Reaktion, doch wenn er weder Tadel noch Kritik und schon gar keinen flotten Verriss erträgt, tut er besser daran, seine Hervorbringungen im Privatsafe verschlossen zu halten. Wie und wo also kann ich für meine Texte eine unbestechliche Bewertung erstellen lassen, ohne herbe Enttäuschungen, gar ewigen Gesichtsverlust befürchten zu müssen?
Im Internet haben Schreiber seit kurzem die Möglichkeit, sich anonym einer wertenden Instanz auszuliefern und eigene Textbeispiele mittels komplizierter, ebenfalls undurchschaubar bleibender Algorithmen mit den Schreibstilen berühmter Schriftsteller vergleichen zu lassen. Auf der Homepage der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ lockt folgende Einladung auf ein verführerisches Programm: „Ich schreibe wie … Franz Kafka? Oder eher wie Ildikó von Kürthy, Ingeborg Bachmann, Maxim Biller? Oder schreibe ich wie Goethe? Wenn Sie wissen wollen, ob Sie Stil haben und wenn ja: welchen – dann gibt es jetzt endlich eine absolut sichere und unbestechliche Messmethode. Was auch immer Sie schreiben, ob Briefe, E-Mails, Blogeinträge oder Tagebuch: Geben Sie den Text ins Feld unten ein. Je länger Ihr Text, desto zuverlässiger das Ergebnis. Klicken Sie nun den Button ‚Analysieren’ an. Innerhalb weniger Sekunden wird Ihnen unsere Maschine die Diagnose stellen. Ich schreibe wie …“
Nach welchen Parametern besagte Messmethode funktioniert, welche Kriterien bei der Beurteilung der Texte angewandt werden und wie die Vergleiche mit den Werken der bekannten Vorbilder genau zustande kommen, das alles wird nirgendwo verraten. Nur, dass die F.A.Z.-Maschine sich an dem englischsprachigen „WriteLike“-Vorbild (http://iwl.me) von „Coding Robots“ orientiert, ein junger Russe namens Dmitry Chestnykh die entsprechende Software entwickelt hat und die Eingaben der User nicht gespeichert werden.
Also los! Seit mehr als 30 Jahren setze ich denen, die das lesen wollen, meine Texte vor: Erzählungen, Romane, manchmal auch Gedichte, aber vor allem Reisebücher, Artikel und Reportagen zu allen möglichen Themen. Nur Reaktionen darauf bleiben meistens aus. In all der Zeit hat niemand mir gesagt, wie ich schreibe und mit wem ich mich und meine Texte gegebenenfalls vergleichen könnte – abgesehen von ein paar Kritikern, die naturgemäß und im Idealfall ihre subjektive Meinung äußern. Von Objektivität keine Spur. Wie gut, dass es nun diese Maschine gibt, die meine Texte prüft – und zwar in Sekundenbruchteilen. Ich brauche in den Kasten, über dem „Geben Sie hier Ihre Textprobe ein“ steht, nur ein paar Beispielsätze zu kopieren und den Button „Text analysieren“ anzuklicken, schon arbeitet der Generator und liefert mir drei Wimpernschläge später eine präzise Antwort.
Klingt kinderleicht. Also kopiere ich zunächst die erste Geschichte aus meinem kürzlich erschienenen Erzählband „Con Dao“ und werfe sie dem mysteriösen Programm in den Schlund. Im Handumdrehen hat der Automat die immerhin gut sechs Buchseiten lange und in Thailand spielende Beziehungsstory wissenschaftlich untersucht und spuckt prompt das Resultat aus: „Ich schreibe wie ... Uwe Johnson!“
Warum? Wieso? Weshalb? Keine Ahnung. Eine Begründung des Befunds wird nicht mitgeliefert. Auch ich selbst bin außerstande, eine irgendwie einleuchtende Beziehung zwischen meiner Kurzgeschichte und Uwe Johnson herzustellen. Von diesem Autor, der überdies bereits länger tot ist, kenne ich zwar einige Buchtitel und obendrein ein paar Details aus seinem Leben (er soll etwas mit Ingeborg Bachmann gehabt haben!), aber ich habe keinen einzigen seiner Romane vollständig gelesen.
Zweiter Versuch. Noch ein Auszug aus „Con Dao“, diesmal ein stilistisch etwas gewagterer, eher in Richtung innerer Monolog gehend, durchsetzt von den wirren Erinnerungsfetzen eines Protagonisten, der offenbar unter Drogen steht. Copy & paste – schon hab ich’s schwarz auf weiß: „Ich schreibe wie ... Melinda Nadj Abonji!“
Wie bitte? Na gut, den Namen der Jungautorin habe ich schon mal gehört; ihr Erstlingswerk, das 2010 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, allerdings nicht gelesen. Und die gilt bereits als Referenz? Sie scheint, obwohl sie erst ein einziges Buch veröffentlicht hat, jedenfalls schon mit den literarischen Größen mithalten zu können, die auf der Startseite des F.A.Z.-Spielchens groß mit Foto abgebildet sind: Thomas Mann, Günter Grass, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Daniel Kehlmann und natürlich auch die derzeit wieder auf allen Kanälen piepsende Charlotte Roche. Erst als der Name Melinda Nadj Abonji als Bezugsperson einer weiteren „Con Dao“-Geschichte auftaucht, schaue ich genauer hin. Rechts neben dem Fenster mit dem Urteilsspruch taucht die Nachwuchsautorin noch einige Male auf, weil dort in Wort und Bild für ihren Romanerstling geworben wird. Dazu passt, dass unter dem Textkasten auf die – natürlich äußerst positiv ausgefallene – Rezension hingewiesen wird, die, oh heiliger Zufall, unlängst in der F.A.Z. zu genau diesem Debütroman erschienen ist.
Was ist faul an dieser Sache? Mein letzter „Con Dao“-Test endet mit der Feststellung: „Ich schreibe wie ... Peter Handke!“ Nicht besonders originell, aber ..., nun gut. Gleichzeitig zeigt die Tabelle auf der rechten Bildseite nicht weniger als 944 Suchergebnisse zum Stichwort „Peter Handke“ an und verweist auf stattliche 24 F.A.Z.-Besprechungen über die jüngsten Publikationen des nicht unumstrittenen Österreichers.
Aber so leicht lasse ich mich nicht von einem Computerprogramm ins Bockshorn jagen! Nächster Testlauf. Sechs bislang unveröffentlichte Kurzprosastücke, „Sekundenromane“, wie ich diese Art Texte für mich nenne. Resultat: „... wie Melinda Nadj Abonji!“ Und wessen Stil ähnelt die explizit erotische, fast schon ins Pornografische driftende Short Story, die ich anschließend eingebe? Natürlich: Melinda Nadj Abonji!
Erst als die verfluchte Maschine mit meiner kleinen, leicht satirisch angehauchten Sommerreportage über einen einheimischen Campingplatz gefüttert wird, ändert sie plötzlich ihre Meinung. Nun schreibe ich wie ... Ildikó von Kürthy! Oh mein Gott, langsam wird’s peinlich. Wenigstens liefert die Suche nach Büchern dieser Trivialtante nur 204 Ergebnisse; und nicht mit einer einzigen Rezension erweist das Frankfurter Intelligenzblatt sich ihrer gnädig.
Schnell weiter. Mit einer Reisereportage über Chile, die vor einigen Monaten in derselben F.A.Z. abgedruckt war, lande ich erneut bei Melinda, während mir ein Bericht über den Bazar in der Altstadt von Damaskus vor den syrischen Unruhen einen unverhofften Vergleich mit Günter Grass einbringt. Eher perplex bin ich, als ein Auszug aus meinem nächsten Buch, einer im kommenden Oktober erscheinenden Geschichten- und Rezeptsammlung zur italienischen Küche in Luxemburg, mich mit Sigmund Freud verbindet. Habe ich das Werk des Wiener Psychoanalytikers bisher nicht in seiner ganzen Bandbreite erfasst? Verfasste Freud etwa ebenfalls Kulinaria?
Dieses absurde Ergebnis bringt mich auf eine Idee. Wie wäre es, wenn ich nicht nur eigene, sondern auch Texte von Kollegen analysieren lassen würde? Etwa eine Geschichte von Jhemp Hoscheit, zu der ich Zugang habe, weil mein Freund Jhemp sie mir für ein Anthologie-Projekt per E-Mail übermittelt hat. Mit diesem Text kann ich, hinterlistig wie ich manchmal bin, die Maschine einmal so richtig auf die Probe stellen, denn er wurde auf Luxemburgisch geschrieben. Das Resultat ist enttäuschend. Auch Jhemp Hoscheit schreibt wie ... Melinda Nadj Abonji. Während der Stil von Guy Helminger, von dem ich eine Kurzgeschichte aus dem Internet kopiere, mit dem von Ulla Hahn verglichen wird, die mit ihren oft süßlichen Sachen nicht selten in Kitschverdacht steht. Sorry Guy, aber mit Ildikó von Kürthy in einen Topf geworfen zu werden, ist noch schlimmer, nicht wahr? Und was soll denn unsere junge, ausschließlich Französisch schreibende Kollegin denken, von der ich aus lauter Nichtsnutz eine Handvoll poetischer Kindheitserinnerungen mit lyrischen Einschüben ins Netz gesetzt habe und über die ich anschließend beinahe bestürzt lesen muss, sie schriebe wie ... Karl Marx (von dem weiter rechts übrigens sagenhafte 6.111 Suchergebnisse angezeigt werden).
Alles Zufall? Gewiss, aber gleichzeitig auch mehr als bloß ein lustiger Zeitvertreib für Schreiberlinge auf der Suche nach Bauchpinseleien. Offenbar geht es auch bei Unternehmen wie der gemeinhin als seriös geltenden F.A.Z. in erster Linie ums Geschäft. Mit der Eitelkeit der Menschen ist halt gutes Geld zu verdienen. Doch zum Glück gibt es seit kurzem das „BlaBlaMeter“.
Dieses Programm (www.blablameter.de) verrät nicht nur tatsächlichen und vermeintlichen Schriftstellern, sondern auch PR-Profis, Politikern, Beratern, Werbetextern, Professoren und Studenten, wie viel heiße Luft sich in ihre Texte geschlichen hat. Das Prinzip ist das gleiche: Man kopiert eine Passage in das freie Feld, klickt auf den Analyse-Button und lässt den sogenannten Bullshit-Index ermitteln. Auf diese Weise erfährt der Proband zwar nicht, wer vor ihm schon vergleichbaren Blödsinn zu Papier gebracht hat. Dafür verrät ihm die Maschine, ob sein Text keine, sehr geringe, etliche oder bereits erhebliche Hinweise auf „Bullshit“-Deutsch enthält. Was letzten Endes jedenfalls sinnvoller ist als das Wissen, ob man sich mit Handke und Grass eventuell brüsten darf oder eher mit Ildikó, Ulla und Melinda schämen sollte.

Eine leicht gekürzte Fassung dieses Textes erschien
am 3./4. September im TAGEBLATT, Esch/Alzette
© Georges Hausemer