27. April 2010
GEISTIGES EIGENTUM (1)
Nun, gestern war mal wieder so ein Sonntag auf den immer bröckeliger werdenden Zuschauerrängen, ein überaus erfreulicher gar, weil Capybaras Lieblingsmannschaft zwar, wie so oft in dieser Saison, spielerische Klasse vermissen ließ, aber am Ende dennoch als Sieger vom Spielfeld trabte. Da ihr einziger Konkurrent um die Krone den Tag später am Abend mit einer Niederlage ausklingen ließ, darf sich Capybaras Leib- und Magentruppe nun berechtigte Hoffnungen auf einen neuerlichen Titelgewinn machen, nach viel zu vielen, viel zu langen Jahren ohne jegliches Erfolgserlebnis.
Doch aufgepasst! Noch sind drei wichtige und schwierige Spiele zu bestreiten. Noch weiß niemand, welch perfide Tricks sich der andere Meisterschaftsaspirant womöglich einfallen lassen wird, um auf die eine oder andere, womöglich nicht ganz koschere Weise weitere kostbare Punkte einzufahren. Die schlichte Masche mit der Rauferei im Kabinengang, dem anschließenden Spielabbruch und der prompten Zuweisung des Sieges werden die Konkurrenten gewiss nicht noch einmal wagen. Aber vielleicht tüfteln sie längst an anderen fiesen, kleinen Gemeinheiten, um Capybaras Team (welches der Wassereber übrigens am liebsten schwarz-weiß gestreift wie flotte Zebras auflaufen sieht) kurz vor dem Ziel doch noch abfangen zu können. In dem Fall muss sich C. in Zukunft wohl definitiv nach einer anderen, nerven-, herz- und gemütschonenderen Sonntagsnachmittagsbeschäftigung umsehen. Dann geht in diesen Kolonnen möglicherweise auch endlich häufiger von Sex und Erotik die Rede.
Übrigens: Heute ist der Tag des geistigen Eigentums.
© Georges Hausemer 26.4.2010
23. April 2010
OP DER RULL (7)
Schon viel länger ist Weihnachten vorbei. Und auf den Tag genau so lange liegt die letzte Ausgabe dieser stacheligen Gazette zurück. Eine Schande, sowas! Aber wie für (fast) alles gibt es auch hierfür Erklärungen, Entschuldigungen gar, und zwar durchaus gute. Capybara, Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent dieses Blattes in Personalunion, hatte es nämlich kurz nach seinem letzten Eintrag (an Heiligabend 2009!) gehörig erwischt. Auf den Rippen, am gleichnamigen Fell, im Brustkorb und noch tiefer, mitten im linken vorderen Lungenlappen – ein Knoten, der alles zusetzte, ein Stopfen, der nicht mehr aus dem Kanal weichen wollte, mit dem Resultat: Arzt im Hotel in Damaskus, Notaufnahme in der dortigen Clinique St. Louis, nach der Heimkehr zuerst Haus-, dann Herz-, schließlich Lungenarzt und zuguterletzt der Herr Doktor Chirurg mit dem Skalpell, der Capybara den versehrten Lappen einfach wegsäbelte, ritsch-ratsch-weg-mit-dem-Pfropfen. Lobektomie nennt sich solch ein Eingriff, sogar wenn er, wie in diesem Fall, in dem hübschen elsässischen Städtchen Strasbourg vorgenommen, dort aber mit einem C geschrieben wird: „lobectomie“ – anatomiegerechte Organlappenextirpation, wie das dtv-„Wörterbuch der Medizin mit über 500 farbigen Abbildungen“ auf Seite 438 schreibt (jetzt weiß C. endlich, warum er sich diesen papiernen Ziegel im Januar 1994 zugelegt hat). In vorliegendem Fall handelte es sich – falls es jemanden interessiert – um die gewaltsame, unter Vollnarkose (des Patienten natürlich) vorgenommene Entfernung von 80 Prozent des linken vorderen Lungenlappens eines gewissen Herrn Capybara, der nie zuvor in Strasbourg gewesen war und sich aus gebotenem Anlass per Taxi hinbringen ließ. Immerhin das!
Seit jenem Eingriff sind sieben Wochen vergangen. Allmählich kommt C. wieder zu Kräften und Ideen, auch wenn’s noch nicht berauschend ist mit seinen jüngsten Einfällen, wie diese Zeilen ganz eindeutig belegen. Aber üben wir Nachsicht, für einmal. Und freuen wir uns mit ihm, dass er den Weg ins Freie ab und an bereits wieder findet. Wie heute, da er sich, der besagten Fernsehaufnahmen wegen, mal wieder in seinem eigentlichen Umfeld tummelte, plapperte und plapperte, ein paar Aufnahmen von seltsamen Apparaturen, einer freundlichen, bestens informierten Journalistin sowie ihrem nicht weniger sympathischen Kameramann schoss und sich selbst ablichten ließ, in allen möglichen und unmöglichen Stellungen und Positionen, von vorne, von hinten, von oben und unten, von der Seite und im Schal, im Wintermantel und im Sommerhemd, nackt bis auf ein paar Härchen, stotternd bis schluckend, am Ende völlig ohne Puste, was kein Wunder ist bei nur noch einer Dreiviertel-Lunge, die nun, nach so vielen, komplizierten Buchstaben erst recht nach Luft schna...
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P. O. BOX (6)Esch-au-Lac. Was hier folgt, ist ein Text, der lange vor der Verkündung der/des diesjährigen Servais-Preisträgerin/Preisträgers verfasst, aber aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen nie veröffentlicht wurde. Für eine offizielle Publikation desselben ist es jetzt, nach der Verkündung der/des Servais-Preisträgerin/Preisträgers 2010 natürlich zu spät – es sei denn, sein Verfasser will sich Missgunst und Neid vorwerfen lassen, was er natürlich keineswegs beabsichtigt. Die „Capybara Gazette“ indes schämt sich bekanntlich für kaum etwas, auch nicht dafür, ganz und gar unpassende Meinungs- und andere Unmutsäußerungen zum ganz und gar unpassenden Zeitpunkt auf ihre werte wie auch weniger werte Leserschaft loszulassen, in der Hoffnung, dass nichts verlorengeht, was dieser Öffentlichkeit zuteil zu werden gehört.
Nun aber Schluss mit der langen Vorrede! Hier also besagter Text, den mancher sich durchaus hinter die Ohren schreiben kann, nach der Lektüre aber besser doch schnell wieder vergessen soll:
„Ich bin Tania Naskandy“
Eine kleine Selbstbezichtigung / Von Georges Hausemer
Nun, rechtzeitig zum Internationalen Tag des Buches am 23. April, hat also auch Luxemburg seinen Literaturskandal. Na ja, ein Skandälchen, von dem ohnehin kaum jemand Notiz nimmt. Aber immerhin. Also der Reihe nach.
Im Lëtzebuerger Land Nr. 11 vom 19. März 2010 unterstellt eine Rezensentin namens „Elise Schmit“ dem Schriftsteller und Verleger Guy Rewenig, „in Wahrheit“ die Autorin „Tania Naskandy“ zu sein, die unlängst im Rewenig-eigenen Verlag ultimomondo den Roman „Sibiresch Eisebunn“ veröffentlicht hat. Als Beleg für ihre These führt die Kritikerin nicht nur angeblich „frappierende thematische und stilistische Überschneidungen“ an. Auch die Tatsache, dass eine „Tania Naskandy“ und ihre vermeintlichen Publikationen in „Architektur- und Fachzeitschriften“ nicht einmal über die Suchmaschine Google ausfindig zu machen sind, beweist ihrer Meinung nach, dass es eine Romanautorin mit Namen „Tania Naskandy“ definitiv nicht gibt.
In dieser Hinsicht hat „Elise Schmit“ recht, was nicht nur ihre eigenen Nachforschungen belegen. Auch Recherchen seitens des „Centre national de littérature“ in Mersch haben ergeben, dass in Echternach, wie von der mysteriösen Autorin selbst behauptet, weder jemals eine „Tania Naskandy“ geboren wurde noch irgendwann eine – angeblich ungarischstämmige – Person oder gar eine ganze Familie mit diesem Nachnamen gelebt hat.
In einem anderen Punkt allerdings irrt die detektivisch ambitionierte Zeitungsmitarbeiterin gewaltig: „Tania Naskandy“ ist nicht Guy Rewenig! Denn ich, der Verfasser dieser Zeilen, ich bin „Tania Naskandy“! Und ich wundere mich, nebenbei gesagt, schwer, dass der echte Guy Rewenig es bislang nicht für nötig hielt, die von „Elise Schmit“ in die Welt gesetzte Falschmeldung auf seine bekannt bissige Art richtigzustellen und ihrer Erfinderin gehörig den Marsch zu blasen.
Die Fakten also. Beim Fall „Tania Naskandy“ handelt es sich, wie könnte es in Zeiten von hegemannscher Intertextualität und journalistisch-literarischen Hochstaplertums à la Ryszard Kapuscinski auch anders sein, um einen Fall von skrupellosem Autoplagiat mit anschließender Selbstbezichtigung. Was in der Praxis bedeutet, dass ich, der Verfasser dieser faktentreuen Beichte, unlängst hingegangen bin, meinen 1998 erstmals erschienenen Roman „Iwwer Waasser“ unwesentlich um- und in nicht allzu beträchtlichem Maße neu geschrieben, mit einem geänderten Titel und einer neuen Autorenangabe versehen und zur Publikation bei besagtem ultimomondo-Verlag eingereicht habe. Mit Erfolg, wie man inzwischen weiß.
Weniger bekannt ist indes, dass ich meine Urheberschaft an „Sibiresch Eisebunn“ durch weiteres umfangreiches Faktenmaterial jederzeit belegen kann. Dazu zählt die Tatsache, dass ich im Sommer 2008 tatsächlich eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Beijing nach Moskau unternommen habe. Oder wäre ernsthaft denkbar, dass jemand ein Buch mit dem Titel „Sibiresch Eisebunn“ schreibt, der nie zuvor mit selbiger unterwegs war? In dem Fall wären wir endlich bei der auch hierzulande unbedingt einmal öffentlich zu stellenden Frage angelangt, was Literatur ganz allgemein zu leisten imstande ist, was Schreiben bedeutet und was Lesen, wie das Verhältnis des Lesers zu Autor und Werk und das der Autoren zur tatsächlichen Realität und zur Wirklichkeit ihrer Fiktionen zu deuten und zu bewerten ist. Aber lassen wir das ...
Kommen wir lieber noch einmal zur Causa Schmit-Naskandy/Hausemer-Rewenig zurück. Je länger man über dieses unselige Drei/Vierecksverhältnis nachgrübelt, eingedenk der nun ein für allemal geklärten Identität der inkriminierten Romanautorin, umso plausibler erscheint einem eine ganz andere Möglichkeit. Und zwar die, dass das wahre Gespenst in dieser literarisch-publizistischen Verneblungsaktion die Auslöserin des Skandälchens höchstselbst ist: „Elise Schmit“, die sich auch dadurch verdächtig macht, dass sie sich bis vor nicht allzu langer Zeit noch „Elisabeth Schmit“ nannte, nie persönliche Daten preisgibt – höchstens im Internet, aber dieser Quelle traue ich schon lange nicht mehr – und sich auch sonst auffällig bedeckt hält. Könnte es, mal einfach so gefragt, könnte es nicht eventuell sogar sein, dass Guy Rewenig im Lëtzebuerger Land nicht nur allwöchentlich seine Unsäglichkeiten aus „Happyland“ verbreitet, sondern unter dem Allerweltsnamen „Elise Schmit“ auch noch die Werke seiner luxemburgischen Schriftstellerkollegen kommentiert?
© Georges Hausemer 23.4.2010
© Georges Hausemer
24. Dezember 2009
Op der Rull (6)
Dann aber schnell raus! Kleines Frühstück, noch im Pyjama auf der Terrasse, und das zwei Tage vor Heiligabend, anschlieβend mit geschultertem Rucksack die Al-Afif Street hinunter. Populäres Viertel, kleine und kleinste Läden, Kleider- und Schmuckgeschäfte, Blumenhändler, Bäcker, Friseure, Konditoreien, deren Auslagen so verlockend sind, dass Capybara mehrmals rasch die Straβenseite wechselt, um nicht schon vormittags in Versuchung zu geraten. Stattdessen fotografiert er aus einem hübschen Winkel besagten Qasyun-Berg mit seinen bebauten Hängen, im Vordergrund eine Straβenkreuzung, ohne Polizist vorsichtshalber. Auch Raketen, heiβt es, soll man in Syrien besser nicht ablichten, keine Soldaten, keine offiziellen Gebäude. Aber Raketen sind mitten auf den Avenuen und in den Parks von Damaskus sowieso eher selten.
Es kreuzen Capybaras Weg: vornehme ältere Herren im Anzug unter modischem Mantel, mit Krawatte, ältere Damen, viele in unförmigen schwarzen Umhängen und mit Kopftuch, junge Frauen, auch mit Kopftuch und zusätzlicher Sonnebrille, meist mit riesigen Gläsern und goldenen Bügeln.
Eigentlich sollte Capybara Heiligabend im Wüstenkloster Mar Musa verbringen. So war es zwei Tage zuvor mit Nada ausgemacht worden. “Auf Spanisch bedeutet ‘nada’ nichts, aber im Arabischen heiβt der Name Wiedergeburt”, hatte die junge Frau dem Gast aus Europa bei ihrer ersten Begegnung erklärt. Treffen um 14:00 Uhr, danach einstündige Fahrt in den Norden von Damaskus, dort 400 Steinstufen hochklettern und endlich das majestätisch aus der Ebene emporragende Felsenkloster erreichen. Warme Kleidung nicht vergessen! Dann in der Wüste kann es nachts bekanntlich empfindlich kalt worden, und Heizung haben die Mönche und Nonnen von Deir Mar Musa nicht.
Schon lange vor 14:00 sitzt Capybara auf seinem gepackten Kleidersack, als plötzlich eine SMS von Nada kommt. Im Moment könne sie weder anrufen noch Damaskus verlassen, aber sie würde sich bald wieder melden. Inzwischen es ist kurz vor 17:00. Bald werden erneut die unzähligen Damaszener Muezzine schreien, längst ist es auch am Rand der Wüste kühl geworden, allmählich legt sich die Nacht auf die Stadt, doch “nada de Nada”. Im Kloster wird man auch dieses Jahr ohne Gast aus der Welt einzigem Groβherzogtum Weihnachten feiern müssen.
© Georges Hausemer
18. Dezember 2009
P. O. BOX (5)
Heute Morgen allerdings erfuhr ich, wie trotz allen Fortschritts immer noch Neuigkeiten zirkulieren: von Mund zu Ohr, als hundsgewöhnlicher Tratsch und Klatsch. Schon in aller Frühe, es war noch stockdunkel draußen, saß ich in meiner Lieblingskneipe und wärmte mir die klammen Finger an einer heißen Kaffeetasse. Auch der Nebentisch war besetzt. Mit ..., wenn man so will, Kollegen, doch mir war nicht danach, mich an ihrem Gespräch zu beteiligen. Lieber hörte ich ihnen, während ich fahrig ein paar Tageszeitungen durchblätterte, dabei zu, wie sie sich gegenseitig ihr Leid klagten. Es ging, kurz gesagt, um Geld. Um Geld, das ihnen widerrechtlich vorenthalten wurde, um Geld, das jemand unterschlagen oder illegalerweise eingestrichen hatte. Um böses Geld also, das böse Gedanken weckt und womöglich böse Taten folgen lässt.
Bevor ich meine Tasse leerte und mich auf den Heimweg machte, sagte ich einen einzigen Satz. „Freunde“, sagte ich, „darüber müssen wir einmal in aller Ruhe miteinander reden.“ Wenn das keine hübsche Pointe zum Jahresende war! Unsere Anwälte sollten jedenfalls schon mal fleißig ihre Bleistifte spitzen.
© Georges Hausemer 18.12.2009
OP DER RULL (5)
Sei’s drum, das Jahresende naht, und wie immer um diese Zeit gerät Capybaras Leben für eine Weile ziemlich aus dem Lot. Mal holt er sich, regelmäßig ab Mitte Dezember, eine Erkältung oder sonst eine rätselhafte Infektion, mal zieht er sich eine Muschel-, mal eine Marzipanvergiftung zu, entweder streikt plötzlich sein Computer oder in seiner Höhle fallen gleichzeitig sämtliche Lichter aus. Dieses Jahr nun sind es besagte Schnarchattacken, die auch noch seine Allerliebste Nacht für Nacht von seiner Seite vertreiben, wüsteste, aber durchaus berechtigte Beschimpfungen auf ihn niederprasseln lassen und ihm tagelang ein miserables Gewissen bescheren.
Längst hat Capybara einen schlimmen Verdacht: Schuld an dem ganzen Ärger ist der Weihnachtsmann. Weihnachtsmänner, davon ist Capybara mittlerweile fest überzeugt, sind die natürlichen Feinde der Wasserschweine. Aber warum bloß?
Da seine falschbärtigen Gegenspieler das Feld nicht freiwillig räumen werden, geht Capybara für einmal mit gutem Beispiel voran. Schon vor Wochen hat er sich ein Flugticket besorgt und ein Visum in seinen Pass stempeln lassen; in wenigen Tagen wird er sich ins Café Noufara setzen und den Damaszenern mit einem „qahwa“ zuprosten. Das hört sich doch verlockend an. „Qahwa siadeh“, „masbut“ oder „arrika“ – stark, mäßig oder wenig gesüßter Kaffee im Schatten der Omaijaden-Moschee, im wohl berühmtesten und malerischsten Café der Damaszener Altstadt. Geschichtenerzähler und Flötenspieler soll es dort geben; ihre Stimmen und Töne werden auch noch den lautesten Schnarcher übertrumpfen, falls es denn überhaupt so weit kommt, dass Capybara in orientalischer Umgebung einfach mal so ein Nickerchen hält. Viel wahrscheinlicher ist, dass Wasserschweine sich gerne mit Wasserpfeifen vergnügen, zwischendurch ein Eckchen „baklawa“ naschen und inmitten des Blubberns und Kauens die doofen Kläuse einfach vergessen. Ab Anfang Januar dann hat Capybara für elf Monate wieder Ruhe zuhause. Sofern endlich Schluss ist mit seinem unsäglichen, unerträglichen Geschnarche.
© Georges Hausemer
25. November 2009
P. O. BOX (4)
© Georges Hausemer 25.11.2009
18. November 2009
OP DER RULL (4)
Zuvor aber noch dieses und auch jenes: In einen Kimono gehüllt, knabberte Capybara kandierte Kastanien; die Fahrt zwischen Vilnius und Minsk absolvierte er im blauen Salonwagen der belarussischen Eisenbahn; mit einem für seine Bierexzesse berüchtigten Drehleierspieler besuchte er ein nicht stattgefundenes Konzert im Nordosten des polnischen Marienlandes; mit einem wahrhaftigen Professor aus dem Schwabenland lutschte er an einem molekular gelierten Apfelschnitz; vor Publikum zerstampfte er kartoffelige Klischees in Buchstabensauce; mit einer wahrhaftigen Köchin blätterte er sich durch leckerste Rezepte; mit heftigen Flossenschlägen ruderte er selbst ins Schwabenland, um über seine Reiseabenteuer zu berichten, ohne zuvor oder danach den Professor zu besuchen, der lebt und forscht nämlich in Mainz, wo Capybara auch schon einmal Bauchweh hatte.
Aber was ist das, ein Abenteuer? Und wenn ja, warum? (Gruß an Guychen in Köln, der von einem Blatt namens „Capybara Gazette“ bestimmt noch nie etwas gehört hat – egal.) Wasserschweine verfügen bekanntlich über ein außerordentlich und deshalb äußerst bedenklich kurzes Gedächtnis, weshalb sie gezwungen sind, sich alles, aber auch wirklich alles zu notieren, sofern Schreibzeug vorhanden ist. Andernfalls ritzen sie sämtliche Einzelheiten mit ihren bekanntlich äußerst gefährlichen Klauen als Geheimzeichen in die Erde (oder Beton, Holz, Tatami – je nachdem, auf welchem Untergrund sie ihre Dickbäuche gerade niedergelassen haben). Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihre mysteriösen Codes zumindest selbst noch entziffern können, nach einer gewissen Zeit, sechs Stunden, zwei Tage später oder so.
Abenteuer also. Musiker, die vor lauter Zittrigkeit den Hebel ihrer Leier nicht mehr drehen können; Bäcker, die mitten in der Wüste zentnerweise Apfelkuchen backen; Schafhirten, die sich mitsamt Herde an den Concha-Strand von San Sebastián verirrt haben; Geishas, die ihren Geist fließen lassen wie im Wellenmuster japanischer Dachziegel.
Genügt das? Nun, Capybara könnte sich überlegen, demnächst nach Paraguay auszuwandern, um bei den nächsten Präsidentschaftswahlen gegen den populärsten Bischof des Landes anzutreten, unverkleidet natürlich und ohne tierische Maske. Oder das namibische Wörterbuch auswendig zu lernen, zumal er einige Ausdrücke bereits vortrefflich beherrscht: Oanob, Ohakane, Okahandja, Okatumba, Okombahe, Otjikoto, Owambo ...
So, das muss für heute genügen. Rasch noch den restlichen Singapore Sling geleert, die längsten Spinnenbeinchen aus Nase und Ohren gezupft und auf geht’s. Der Bus wartet nämlich schon, aber nicht ewig.
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P. O. BOX (3)
Esch-au-Lac. Der Titel des Romans steht nun fest: „80 D“. Gestern am späten Abend flatterte der entsprechende Vertrag zu dem nur eine Hand breit geöffneten Wohnzimmerfenster herein, unfrankiert, im durchsichtigen Plastikhemdchen. Ein Frauenroman!, behauptete der Verfasser. Keineswegs!, erwiderte seine allerliebste Lektorin, in diesem Fall haben wir es mit einem ..., einem ..., ja, mit einem typischen Männerroman zu tun. Mit einem esoterisch-pornographischen Machwerk übelster Sorte, fügte eine weitere Dame aus der Runde hinzu, die noch keine einzige Zeile davon gelesen hat. Typisch! Den Brei in den Ausguss schütten, bevor er gesalzen und gepfeffert ist. Kapiert haben’s einmal mehr nur die Kinder des Autors – drei pelzige Gesellen, die sich dem Erwachsenwerden konsequent verweigern. Papi, Papi, rufen sie unisono aus ihrem Versteck, deine Schnitzelchen heute waren wieder ein Gedicht.
© Georges Hausemer 18.11.2009
© Georges Hausemer
