Esch im Regen. Das originellste Buch auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse war, laut Süddeutsche Zeitung, das, welches am konsequentesten auf Originalität verzichtet. Ein Buch bestehend aus genau 2.857 Zitaten, von Dante bis Joyce, von Shakespeare bis Tolstoi, von Cervantes bis Brecht. „Sieht so der virtuos wie originell gefügte Endpunkt der Literatur aus?“, fragt der Lektoratspoet des Verlags in seiner Ankündigung bang. Um gleich stolz zu behaupten: „O. T. fügt der Diskussion um copy und paste, um Originalität und Autorschaft eine neue Facette hinzu.“
„O. T.“? Ja, so heißt das Werk. „O. T.“ für „Ohne Titel“ – eine in der bildenden Kunst durchaus gebräuchliche Kennzeichnung von Bildern, Skulpturen aller Art. Von der Seite kommt dann auch die Verfasserin, die bildende Künstlerin U. D. Bauer, die tatsächlich existiert/existieren soll.
„O. T.“, ein Buch, das, so der Kritiker aus Bayern, „die Leselust über Stunden, Tage, Jahre hinweg“ trägt, wurde demnach – aller Wahrscheinlichkeit nach – nicht von einem luxemburgischen Autor, Kritiker oder Unidozenten zusammengeklebt. Aber man weiß ja nie ...
20. März 2013
KLATSCH UND TRATSCH AUS DER EINHEIMISCHEN BÜCHERWELT (1): PLAGIATE, PSEUDONYME, ZITATE
Esch an Belval. Wäre der schöne Titel nicht schon seit Ewigkeiten für Pooh und seinen Lohnschreiber Harry Rowohlt reserviert, so würde Mister Chigüire diese seine neue Kolumne liebend gerne „Meinungen eines Wasserschweins von sehr geringem Verstand“ überschreiben. Aber wer will schon „Jeff Baden“ geschimpft werden? Nun, auch Nico Valentin ist noch immer nicht entlarvt. Sein Verleger aus dem hohen luxemburgischen (oder Luxemburger? CNL, bitte hilf!) Norden verrät lediglich, dass es sich um einen durchaus gestandenen Autor mit publizistischer Vorgeschichte handelt, und hüllt sich ansonsten in gollohaftes Schweigen. Mit dem Resultat, dass mehrere potenzielle Pseudonymisten, auch sie ausgewachsene Mannsbilder, sich gegenseitig der Urheberschaft bezichtigen. Und wenn sich am Ende und als Konsequenz der längst wieder abgeflauten Altherrenwitze-Diskussion eine „Nicole“ hinter dem offensichtlich vielgereisten und antik-affinen Nico verbirgt? Mr. C. jedenfalls teilt den Verdacht nicht, der darauf beruht, dass die anvisierte Dame nur deshalb „Epidauros“ in die titelgebende Kurzgeschichte geschmuggelt hat, weil sie auch im richtigen Leben eine gewisse Zuneigung zu Griechenland hegt.
Deshalb rasch zu einem anderen Maulzerreißer: Luxemburg war dieses Jahr NICHT auf der Leipziger Buchmesse vertreten! Außer ein paar Unverbesserlichen scheint das niemanden zu interessieren. Schon gar nicht unsere ach so hippen Kulturjournalistinnen und -journalisten, die – bis auf eine einzige randnotizhafte Ausnahme – diesen für die hiesige Kulturpolitik mehr als beschämenden Umstand weder zur Kenntnis noch zum Anlass irgendeines Kommentars oder einer anderen publizistischen Aufarbeitung genommen haben. Haben sie’s überhaupt bemerkt? (Und wo steckt eigentlich Daniel Conrad, der sich vor ewigen Zeiten wenigstens ein paar Mal in die Täler und Sümpfe, auf die Um- und Abwege der nationalen Buchlandschaft wagte?) Nicht einmal die Ministerin scheint ihren doch angeblich so geschätzten Leipzig-Trip vermisst zu haben. Stattdessen gab sie sich für ein Foto in einer ziemlich menschenleeren Kneipe mitten in den transsilvanischen Bergen und Wäldern her. Dort, im fernen Rumänien, fand unlängst offenbar – auch dafür gibt es nur wenige handfeste Beweise aus unseren angeblich doch so rührigen Redaktionen – ein Festival mit kulturellen Highlights aus dem fernen Großherzogtum statt, zusammengestellt von einer Firma, die sich gleich mal selbst engagierte, vermutlich aus Gründen der Kostenersparnis.
Noch Fragen? Klar doch. Zum Beispiel die nach der Art von Auftritt, der dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse geplant ist?
Und ob eigentlich auch Bücher, Autoren und Literatur, wenigstens im weitesten Sinn, in der neuen samstäglichen Kultursendung „Artbox“ auf RTL vorkommen?
Das nasse Schwein jedenfalls freut sich: So bald wird ihm der Klatsch-und-Tratsch-Stoff nicht ausgehen. Doch bevor es weiterquiekt, bemüht es sich erst einmal auf Facebook um die Freundschaft von Winnie-the-Pooh. Zweimal geringer Verstand ist jedenfalls besser als nur einmal geringer Verstand, oder etwa nicht, liebe ... hicks ... Schleck-Brüder.
26. Dezember 2012
BEI DER GERINGSTEN ERSCHÜTTERUNG
Alles vollgestellt. Kaum mehr
ein Durchkommen. Überall diese Kartons. Aufeinandergestapelt wie Wolkenkratzer.
Und aus jedem Karton eine andere Stimme. Ein Stimmenkonzert, allerdings
kakophonisch. In undefinierbaren Sprachen. Ein einziges tönendes Durcheinander.
Nicht einmal Wortfetzen herauszuhören. Ein Flur, mehrere Zimmer, der ganze
Keller voller Pappkisten. In verschiedenen Größen, aber alle das gleiche
Modell, dieselbe Farbe. Die das Atmen erschwert. Das geringste Stolpern, die
kleinste Erschütterung, und sämtliche Türme stürzen ein. Akustischer
Zusammenbruch. Tonscherben, im wahrsten Sinn des Wortes. Kann man nicht mehr
zusammenfegen, lässt sich mit keinem Stoff kitten. In keinem Land, auf keinem
Kontinent. Wem die Stimmen einst gehörten, ist auch nicht mehr festzustellen.
Wo sie herkamen, wer sie aufnahm, wie sie in die Kartons gelangten –
Fehlanzeige, durch die Bank. Aber es gibt immer Geräusche, die jemanden stören.
So leise sie auch sein mögen.
MEHR GÄSTE ALS STÜHLE - KEINE WEIHNACHTSGESCHICHTE
Nicht zum ersten Mal schlug er sich mit diesem Problem herum. Es gab mehr Gäste als Stühle. Zudem waren einige Stühle aus unterschiedlichen Gründen nicht zu gebrauchen. Es kam, wenn auch nicht zu lebensbedrohlichen, so doch zu gesundheitsgefährdenden Situationen. Ein junger Mann mit Bart verlor einen Schneidezahn. Seiner Begleiterin riss die Hosennaht am Hintern. Alle taten, als hätten sie nichts bemerkt. Dabei war das gar nicht möglich. Die junge Frau schrie wie am Spieß. Ihr Freund, - ja, vermutlich war es ihr Freund – versuchte sie zu beruhigen. Dabei klaffte deutlich sichtbar die Lücke in seinem Mund, sogar ein paar Tropfen Blut rannen ihm über Unterlippe und Kinn. Der Gastgeber war um Ruhe bemüht, doch die Stimmung wurde zunehmend aggressiver. Als die junge Frau verstummte, machten andere Anwesende sich bemerkbar. Einmal flog ein Stuhl durch den Raum, dem ein Bein fehlte. Als er gegen das Bücherregal krachte, zerbrach er in drei Teile. Eines der noch vorhandenen Beine traf eine der Serviererinnen an der Schläfe. Erneute Schreie, noch mehr Blut. Pochender Erguss. Stakkatospritzen. Ein blutjunger Mann fasste sich grinsend in den Schritt. Ein älterer Gast, dem schon lange kein Haar mehr nachwuchs, wollte die Verletzte trösten, doch mit einem scharfen Blitz in den Augen stieß sie ihn von sich. Der alte Mann schlug mit dem Rücken gegen den auf Volltouren aufgedrehten Heizkörper. Schon wieder hatte ein Stuhl gefehlt.
25. Dezember 2012
P. O. BOX (17): SCHÖNE LITERARISCHE BESCHERUNG?
Esch am See. Tania Naskandy ist definitiv ein anderer. Aber nun soll ich
Nico Valentin sein! Das behauptet jedenfalls Leserin S. B. (Name und
Mailadresse sind der Redaktion DER CAPYBARA GAZETTE bekannt), die just am
Vorabend von Heiligabend einen elektronischen Brief verschickt hat, in dem sie
den Verfasser vorliegender Neuigkeit des Pseudonym-Gebrauchs bezichtigt. Aber
lesen Sie selbst: “Guten Abend Herr H., wieso nennen Sie sich denn plötzlich
Nico Valentin? Gefällt Ihnen der eigene Name nicht mehr? Leider verwenden Sie
nicht viel Sorgfalt auf Ihre Tarnung. Durch den Namenswechsel werden Ihre Texte
übrigens nicht besser. Das alles wirkt wie ein schaler Con Dao-Aufguss.“
Frechheit!, findet Herr H., ohne zunächst zu wissen, worauf die erboste Dame denn eigentlich anspielt. Aber ein kurzes Guggeln bringt Aufklärung. Besagter „Nico Valentin“ hat unlängst im Eschsauerer Verlag Op der Lay von Robert „Gollo“ Steffen einen Erzählungsband mit dem Titel „Epidauros läit um Mier” veröffentlicht. Nun, Wasserschweine sind bekanntlich keine Meeresbewohner, sondern Sumpfhocker, deshalb dauert es manchmal eine Weile, bis sie solche Publikationen sowohl en gros als auch en détail zur Kenntnis nehmen. Aber spannend wär’s ja schon herauszufinden, wieso die pfiffige Buchleserin – eine aussterbende Rasse, wie wir längst wissen – auf den Pseudonym-Verdacht kam und weshalb sie sich hier wie dort über mangelnde Qualität beschwert. Kann jemand helfen? Weiß jemand mehr? Kann einer handfeste Beweise vorlegen? Zuschriften bitte an die Chefredaktion dieses exklusiven Magazins, das bekanntlich in keinem noch so mies bestückten Zeitungsladen zu finden ist.
By the way: Seit kurzem steht also fest, dass weder Tania Naskandy noch Nico Valentin noch irgendwelche dahergelaufenen Wasserschweine sich und ihre gedruckten Hervorbringungen im Jahr 2013 auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig präsentieren können müssen wollen werden. Jedenfalls nicht auf einem großherzoglichen Nationalstand, denn dafür fehlen in diesen Zeiten die Kröten. Es sei denn, die buchaffinen Herr- und Tierschaften schaffen es quasi privat, dem Kulturministerium die nötige Kohle aus seinen notorisch mageren Rippen zu leiern, was wohl einem Wunder gleichkäme, denn bekanntlich fließt der ganze Zaster eher in Musik, Film und andere „chouchous“ der zuständigen Ministerialbeamten, die Frankfurt höchstens wegen der Würstchen und Leipzig eher dank der Keksindustrie kennen. So viel dazu! Trotzdem einen tollen Rutsch in ein strahlendes neues Jahr wünscht ... Na, Sie wissen schon: Chigüire & Co.
Frechheit!, findet Herr H., ohne zunächst zu wissen, worauf die erboste Dame denn eigentlich anspielt. Aber ein kurzes Guggeln bringt Aufklärung. Besagter „Nico Valentin“ hat unlängst im Eschsauerer Verlag Op der Lay von Robert „Gollo“ Steffen einen Erzählungsband mit dem Titel „Epidauros läit um Mier” veröffentlicht. Nun, Wasserschweine sind bekanntlich keine Meeresbewohner, sondern Sumpfhocker, deshalb dauert es manchmal eine Weile, bis sie solche Publikationen sowohl en gros als auch en détail zur Kenntnis nehmen. Aber spannend wär’s ja schon herauszufinden, wieso die pfiffige Buchleserin – eine aussterbende Rasse, wie wir längst wissen – auf den Pseudonym-Verdacht kam und weshalb sie sich hier wie dort über mangelnde Qualität beschwert. Kann jemand helfen? Weiß jemand mehr? Kann einer handfeste Beweise vorlegen? Zuschriften bitte an die Chefredaktion dieses exklusiven Magazins, das bekanntlich in keinem noch so mies bestückten Zeitungsladen zu finden ist.
By the way: Seit kurzem steht also fest, dass weder Tania Naskandy noch Nico Valentin noch irgendwelche dahergelaufenen Wasserschweine sich und ihre gedruckten Hervorbringungen im Jahr 2013 auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig präsentieren können müssen wollen werden. Jedenfalls nicht auf einem großherzoglichen Nationalstand, denn dafür fehlen in diesen Zeiten die Kröten. Es sei denn, die buchaffinen Herr- und Tierschaften schaffen es quasi privat, dem Kulturministerium die nötige Kohle aus seinen notorisch mageren Rippen zu leiern, was wohl einem Wunder gleichkäme, denn bekanntlich fließt der ganze Zaster eher in Musik, Film und andere „chouchous“ der zuständigen Ministerialbeamten, die Frankfurt höchstens wegen der Würstchen und Leipzig eher dank der Keksindustrie kennen. So viel dazu! Trotzdem einen tollen Rutsch in ein strahlendes neues Jahr wünscht ... Na, Sie wissen schon: Chigüire & Co.
26. Oktober 2012
OP DER RULL (19): VON HERZEN FROH
Das Schwein ist – seit einigen Tagen schon – zurück aus Frankfurt, wie
immer ernüchtert, geradezu erschlagen von all dem Trubel dort (und obwohl es in
den schwül-stickigen Hallen mehrmals den Weg seines Lieblingskolumnisten Harald
Martenstein kreuzte – zu ihm später ein bisschen mehr). Wer will nach all
diesen Eindrücken noch jemals ein Buch in die Hand nehmen? Und obendrein der
Stall, den sie den Ausstellern aus Mister Chigüires Wahlheimat hingeklotzt
hatten! Und das Wach- und Betreuungspersonal erst! Da kam so schnell keine
Lektürestimmung auf. Das sollte es vermutlich auch gar nicht. Hauptsache, die
staatlich Bediensteten konnten sich in den Vordergrund schieben, die
Ministerin, so lange bzw. kurz sie da war, angrinsen und mit dem Gefühl nach
Hause fahren, ihren alljährlichen Beitrag zur heimatlichen Buchpolitik
geleistet zu haben.
Längst hängt es dem Capybara zum kurzen, massigen, grob gestachelten Hals
raus: keine Buchpolitik in Sicht, nicht an Sauer und Mosel, und an Amazonas und
Orinoco schon gar nicht. Aber wurde nicht neulich irgendwo in Afrika (war’s
Kenia oder so?) eine neue Affenart entdeckt? Also! Nun stellen wir uns doch mal
kurz vor, wie das wäre, wenn demnächst ab Findel nicht nur Direktflüge nach
Istanbul und Barcelona geschickt würden. Sondern auch nach ... (den Satz bitte
selber vervollständigen).
Nur gut, dass kaum jemand dies lesen wird. Und wenn doch, dass es gleich
darauf schon wieder vergessen sein wird. Auch deshalb bin ich, um mit
Martenstein zu sprechen, „von Herzen froh, dass fast alles, was man so
schreibt, folgenlos bleibt“.
Nur gut, dass kaum jemand dies lesen wird. Und wenn doch, dass es gleich
darauf schon wieder vergessen sein wird. Auch deshalb bin ich, um mit
Martenstein zu sprechen, „von Herzen froh, dass fast alles, was man so
schreibt, folgenlos bleibt“.
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